Vor einigen Jahren beschloss Judith Fegerl, einen Kunstraum zeitweilig seiner Elektrizität zu berauben. Aber statt einfach alles auszustecken, entfernte sie die Steckdosen aus denWänden. Da- nach kamen Schalter und Leuchtkörper dran. Noch immer nicht zufrieden, legte sie die Drähte frei. Als sie fertig war, war die Galerie – der Kunstraum Nie- deroesterreich in Wien – zu einer leblosen Hülle geworden, ohne Kommunikationsverbindung nach außen, ohne Lademöglichkeit für ein Mobiltelefon oder einen Computer, auf die Sonne als Lichtquelle angewiesen. Ein Ort, der nach heutigen Standards kaum mehr war als eine Höhle.
Self lautete derTitel dieses 2010 realisierten Projekts. Mit ihrem Fokus auf Elektrizität – deren Erzeugung, Übertragung und Wirkung – operiert Judith Fegerl an einem zentralen Versorgungsorgan der modernen Zivilisation. Seit die Elektrizität mit der Ausbreitung desTelegrafen vor rund 180 Jahren erstmals Eingang in die Alltagserfahrung der westlichenWelt gefunden hat, ist sie nach und nach in sämtliche Lebensbereiche eingedrungen. Sie beleuchtet unsere Straßen und Gebäude, bewegt unsere
Fahr- und Werkzeuge, setzt chemische Reaktionen in Gang, überträgt Klänge, Bilder und Daten. Digitaltechnologie und Internet – die einflussreichsten technischen Innovationen der letzten dreißig Jahre – wären ohne elektrischen Strom undenkbar. (Daran erinnert uns wenigstens einmal amTag der Batte- riestand unseres Smartphones.) Zudem trägt der gewaltige Energiebedarf technologisch hochgerüsteter Länder wesentlich zu einigen der größten Probleme unseres Planeten bei: angefangen bei derWahl der Energiequellen, ihren Auswirkungen auf die Umwelt und dem Zugang zu ihnen.
Fegerls Skulpturen machen diese chronische Elektrizitätsabhängigkeit höchst eindringlich sichtbar.
Wenn sie etwa Metallarbeiten schafft, deren ganzer Zusammenhalt von Elektrizität abhängt: Was die Teile an Ort und Stelle hält, ist ein von Kupferdrahtspulen erzeugtes elektrisches Feld; werden die Spulen vom Strom getrennt, brechen die Skulpturen auseinander (Moment, 2017). Oder in Arbeiten, die die elektrischen Schnittstellen des Ausstellungsorts anzapfen; geometrische Körper aus Glas und Kupfer, die mit Kabeln an die umliegenden Steckdosen angeschlossen sind und geschlossene, unzugängliche Systeme bilden (Encapsul, 2011) oder zu Knotenpunkten für andere Geräte werden (Lazy Eight, 2011/12).
Untersucht werden sämtliche Aspekte der Elektrizität: die damit verbundenen Materialien, Leiter (Kupfer) ebenso wie Isolatoren (Keramik, Glas, Wachspapier), ihre physikalischen Eigenschaften und nicht zuletzt ihre Zerstörungskraft. Die eindrucksvollste Arbeit in dieser Hinsicht ist cauter (seit 2012), eine Serie vonWandzeichnungen, die durch das Verlegen von Drähten unter Putz entstehen; an eine Stromquelle angeschlossen, überhitzen die Drähte und brennen sich durch die Wand. Die dabei entste- henden dramatischen schwarzen Streifen sind ein buchstäbliches „Branding“ der Architektur.
cauter verweist schon durch den Titel auf ein weniger offensichtliches, aber fundamentalesThema von Fegerls Werk: den Körper. In einigen der frühen Arbeiten der Künstlerin erschien der menschliche Körper in metonymischer Form (die Haare in Spannungsobjekt, 2006, und Metronom, 2007) – und nicht ohne einen Anflug von Fetischismus.
Andere Arbeiten, wie prélèvement de flux (2005–2011) und revers (2010), bezogen den Körper des Betrachters direkt mit ein: erstere war eine Installation, die vom menschlichen Auge nicht wahrnehmbare, aber als Wärme spürbare Infrarotstrahlung abgab; die andere eine in einer Kunstinstitution (dem Wiener Künstlerhaus) aufgebaute aktive und voll funktionsfähige Blutspendestation.
Als sich Fegerls Interesse mehr auf die Elektrizität und deren Gegenwart im Ausstellungsraum verla- gerte (manchmal auch, wie in Self, aus institutionskritischer Perspektive), trat der Körper – und das Organische im Allgemeinen – in den Hintergrund und machte einer kälteren, laborartigen Ästhetik Platz. Aber so wie verdrängte Erinnerungen weiter im Bewusstsein herumspuken, so behielt auch der Körper in Fegerls Werk in etwa eine beunruhigende Präsenz bei: beunruhigend etwa durch eine Verknüpfung mit dem Element der Gewalt oder sogar des Sadismus.
In Arbeiten wie cauter oder stitching (2013, Museion Bozen, ein stickereiartig durch die Betonwand gefädelter glühender Draht) verweist der Titel auf eine anthropomorphe Sicht der Architektur; die Wände sind Fleisch, der Verputz ist Haut – beides kann man durch Verbrennen quälen. In Fegerls Zeichnungen, einem fixenTeil ihres Schaffens, repräsentieren Papierblätter oder Latexschichten die Haut, doch mit demselben Ergebnis: Kupferdraht perforiert und versengt die Oberflächen. DieTitel – cutane, Suture, Raumimplantat – erinnern an chirurgische Verfahren, wobei die heilsame Absicht hier bezweifelt werden darf.
Nebenbei sei erwähnt, dass die „Nadelarbeit“ in Fegerls Werk mit ganz anderen Konnotationen einhergeht als bei vielen anderen Künstlerinnen, bei denen Nadel und Faden – wie kritisch auch immer – mit Weiblichkeit assoziiert sind; die Differenz wird von der österreichischen Künstlerin ganz bewusst eingesetzt.
Geht die Behauptung zu weit, dass Fegerls Werk so gesehen – in seiner Beziehung zum Körper (und durch den Körper zur Architektur) – in einen Dialog mit einer durch und durch wienerischen Kunsttradition eintritt? Beim Betrachten dieser Zeichnungen mit ihren Anspielungen auf chirurgische Verfahren und elektrisch induzierte Verbrennungen fällt es schwer, nicht an Rudolf Schwarzkoglers Fotografien oder Günter Brus’ Zeichnungen aus den 1960er-Jahren zu denken. Es ist aufregend, sich Fegerls Zeichnungen als eine Laborversion derselben körperlichen Obsessionen vorzustellen: eine von allen figurativen Elementen gereinigte, desinfizierteVersion, gefiltert durch die spezifischen Interessen der Künstlerin und unserer Zeit – die elektrische Infrastruktur der heutigenWelt, die zunehmende Abhängigkeit des Menschen von technischen Prothesen. Doch auch in diesem entmaterialisierten, abstrakten Sinn, in seiner scheinbaren Abwesenheit ist der Körper in Fegerls Werk besonders präsent und beunruhigender denn je.
